KI bietet der Pflege neue Möglichkeiten – von der Dokumentation über die Dienstplanung bis hin zur Unterstützung im Pflegeprozess. Doch damit digitale Lösungen wirklich entlasten, braucht es Vertrauen, Datenschutz und eine gute Begleitung in der Praxis.
Lina Gürtler gibt im Interview Einblicke in die Perspektive junger Pflegekräfte und spricht darüber, welche Chancen KI für die Pflege bietet, wo Skepsis entsteht und warum der sichere Umgang mit Daten entscheidend ist.
MEDIFOX DAN: Bevor wir tiefer in das Thema KI einsteigen – welche besonderen Herausforderungen sehen Sie aktuell in der Jungen Pflege?
Lina Gürtler: Die Junge Pflege steht vor enormen gesellschaftlichen Herausforderungen: demografischer Wandel, steigende Pflegebedürftigkeit, Klimaveränderungen, globale Krisen und veränderte Flüchtlingssituationen – all das wirkt sich direkt auf die Pflege aus. Junge Pflegekräfte müssen flexibel und lösungsorientiert agieren. Gleichzeitig gibt es in der Pflegebildung noch großen Nachholbedarf. Oft fehlt es an guter Praxisanleitung und angehende Pflegefachpersonen bekommen nicht die Unterstützung, die sie sich wünschen. Leider erleben viele, dass sie sich eher beweisen müssen, als dass ihnen gesagt wird: „Schön, dass du in unserem Team bist.“
MEDIFOX DAN: Wie ist die Haltung junger Pflegekräfte gegenüber KI – eher skeptisch oder offen?
Lina Gürtler: Beides. Viele junge Pflegekräfte beschäftigen sich intensiv mit KI – sie nutzen Tools wie ChatGPT im Alltag. Die Bereitschaft, KI auch beruflich zu nutzen, ist hoch. Was es braucht, sind ExpertInnen, die Risiken erklären, z. B. welche Daten man nicht teilen darf. Es wäre eine gute Kombination: junge Leute mit Mut und Lust auf Neues, kombiniert mit der Skepsis und Erfahrung älterer Pflegefachpersonen und IT-ExpertInnen. So könnte ein gutes und sicheres Produkt entstehen.
MEDIFOX DAN: Ist die Offenheit gegenüber KI also vom Alter abhängig?
Lina Gürtler: Nicht unbedingt. Jüngere lernen oft schneller, aber auch sie sind skeptisch, wenn Informationen fehlen. Ältere Pflegekräfte haben häufig negative Erfahrungen mit schlecht eingeführten Technologien gemacht – das prägt. Es geht also eher um Erfahrung als um Alter.
MEDIFOX DAN: Als wir bei MEDIFOX DAN Spracherkennung auf iPads eingeführt haben, war der Datenschutz ein großes Thema. Ist die Skepsis gesunken?
Lina Gürtler: Teilweise. Bei uns können Pflegeberichte eingesprochen werden, aber sie werden noch nicht automatisch dokumentiert. Manche KollegInnen empfinden das Sprechen als ungewohnt, andere – auch ältere – nutzen es gerne, weil sie privat oft Sprachnachrichten verschicken. Digitale Kompetenzen entwickeln sich also auch außerhalb des Berufs.
MEDIFOX DAN: Wie sieht Ihre Vision für den Einsatz von KI in der Pflege aus?
Lina Gürtler: Im Pflegemanagement, etwa bei der Dienstplanung, kann KI große Entlastung bringen – durch bessere Koordination von Wünschen, Verfügbarkeiten und Bedarfen. In der Praxis könnte KI bei der Anamnese unterstützen oder Maßnahmen vorschlagen. So würden auch kleine, oft unsichtbare Tätigkeiten sichtbar – das stärkt die Wahrnehmung der Pflege als Profession..
MEDIFOX DAN: Beim Thema Datenschutz gibt es gerne mal zwei Meinungen – die einen teilen Daten für besseren Nutzen, die anderen schützen sie strikt. Zu welchem Team gehören Sie?
Lina Gürtler: Ich bin für „geschützt teilen“. Unsere Versorgung könnte datenbasiert viel besser sein. Skandinavische Länder sind hier Vorbilder. Auch außerhalb des Gesundheitswesens ist das ein Thema – etwa bei Behörden, wo man dieselben Unterlagen mehrfach einreichen muss. Wir sollten anfangen, mehr zu teilen – aber sicher.
Das Gespräch mit Lina macht deutlich: KI ist kein Selbstzweck, sondern kann dort einen echten Mehrwert schaffen, wo sie Pflegekräfte spürbar entlastet und Prozesse sinnvoll unterstützt. Dafür braucht es sichere Lösungen, transparente Einführung und den Mut, neue Technologien gemeinsam weiterzuentwickeln – mit der Pflege, für die Pflege.
Noch mehr Einblicke von Lina Gürtler gibt es in unserem Podcast PflegeFaktisch: Dort war sie bereits zu Gast und spricht darüber, was die Pflege heute bewegt und welche Impulse es für die Zukunft braucht.
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