PflegeFaktisch mit Francesca
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Pflegeethik statt Praxisethik - ethisch handeln im pflegerischen Alltag
In dieser Podcast-Episode spreche ich mit Prof. Dr. Monteverde – Professor am Department Gesundheit der Berner Fachhochschule und Co-Leiter der Klinischen Ethik am Universitätsspital Zürich – live vom Pflegeethik-Kongress 2026 in Göttingen. Gemeinsam schauen wir darauf, warum Pflegeethik keine theoretische Randnotiz ist, sondern mitten im Pflegealltag steckt: in Entscheidungen, in Beziehungen und in der Frage, wie wir unter Druck trotzdem „gute Pflege“ ermöglichen.
Pflegeethik als Bereichsethik: nicht angewandt, sondern gewachsen
Prof. Dr. Monteverde erklärt, warum er lieber von Bereichsethik spricht als von „angewandter Ethik“: Pflege (wie auch andere therapeutische Professionen) hat eine eigene ethische Dynamik, die aus Auftrag, Erwartungen und Interaktionen entsteht. Es geht also nicht darum, fertige Theorien „auf Fälle zu kleben“, sondern darum, den moralischen Kern der Pflege sichtbar zu machen – als Teil der Profession selbst.
Sichtbar, unsichtbar – und warum es keinen ethikfreien Raum gibt
Frau Warnecke bringt die zentrale Beobachtung auf den Punkt: Im Alltag bleibt Ethik oft unsichtbar – bis „etwas passiert“. Prof. Dr. Monteverde widerspricht der Katastrophenlogik deutlich: Gerade weil Pflegende tagtäglich Katastrophen verhindern, wird Ethik praktisch gelebt. Gleichzeitig zeigt sich eine Asymmetrie: Für Pflegende ist Ethik selbstverständlich, in Öffentlichkeit und Politik wird sie häufig marginalisiert. Sein Leitsatz zieht sich durch das Gespräch: Es gibt keinen ethikfreien Raum – jede Priorisierung, jede Zuteilung, jede Kommunikation trägt moralische Kriterien in sich.
Notfallpflege als Brennglas: Ethik ist Teil der Fachlichkeit – und braucht Strukturen
Im Notfall wird besonders greifbar, wie eng Fachlichkeit und Ethik zusammengehören: Triage, knappe Ressourcen, Altersbias, soziale Ungleichheit – all das sind nicht nur organisatorische, sondern zutiefst ethische Fragen. Prof. Dr. Monteverde plädiert für „Ethics by design“: Prozesse so gestalten, dass Biases erkannt, Entscheidungen reflektiert und Patient:innenwille konsequent berücksichtigt werden. Ein konkretes Beispiel bleibt hängen: Eine Pflegefachperson stoppt eine OP-Kaskade, weil sie die Patientenverfügung liest, standhaft „speak up“ einfordert und schließlich eine Oberärztin findet, die den Kurs korrigiert. Seine Empfehlung: Briefings, klare Verantwortlichkeiten und echte Speak-up-Mechanismen – damit Teams nicht moralischen Stress „wegstecken“ müssen, sondern handlungsfähig bleiben.
Mein größtes Take-away aus dem Gespräch: Pflege ist immer auch moralisches Handeln – und genau deshalb gehört Ethik nicht „oben drauf“, sondern in Ausbildung, Sprache und Strukturen fest verankert. Prof. Dr. Monteverde macht Mut, Ethik offensiv zu benennen, den Ethikkodex als Argument gegenüber Gesellschaft und Politik zu nutzen und in allen Versorgungsbereichen an Präsenz, Verantwortung und Partizipation zu arbeiten. Besucht uns auch gern auf unserem YouTube-Kanal und lasst Eure Fragen, Anregungen und Feedback in den Kommentaren da. In diesem Sinne – einfach weiter Podcast hören, ich freue mich auf Euch.
Eure Francesca
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