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„Pflege braucht Menschlichkeit, aber auch Innovation“ – MEDIFOX DAN im Interview mit Dr. Andreas Philippi

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Pflege steht unter enormem Druck – fachlich, strukturell und finanziell. Gleichzeitig eröffnen Digitalisierung und neue Technologien große Chancen für Entlastung, Qualität und Versorgungssicherheit. Im Gespräch mit dem Niedersächsischen Minister für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung, Dr. Andreas Philippi, geht es um die Zukunft der Pflege, den Mehrwert digitaler Lösungen, den Stellenwert von Austauschformaten wie der Pro Care und um eine klare Botschaft an die Menschen, die tagtäglich Pflege leisten.

Herr Dr. Philippi, die Pflege steht nach wie vor vor großen Herausforderungen. Was muss sich aus Ihrer Sicht zuerst ändern, damit Pflege, Wirtschaft und Versorgung wieder stärker zusammenfinden – und Pflege nachhaltig zukunftsfähig bleibt?

Dr. Andreas Philippi: Wir stehen hier vor einer der zentralen gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit. Der demografische Wandel führt dazu, dass Menschen immer älter werden und damit auch der Pflegebedarf steigt. Aus meiner Sicht gibt es drei entscheidende Stellschrauben: Erstens brauchen wir eine solide und verlässliche Finanzierung der Pflegeversicherung, die auch als Attraktivitätsfaktor wahrgenommen wird. Zweitens müssen Pflegeberufe wieder mehr Anerkennung erfahren – gesellschaftlich, aber auch ganz konkret im Arbeitsalltag. Und drittens ist die konsequente Einbindung digitaler Lösungen entscheidend. Digitalisierung kann Pflege nicht ersetzen, aber sie kann entlasten – von der Tourenplanung über Dokumentation bis hin zur Abrechnung.

Welche Rolle spielen dabei Austauschformate und Foren wie die Fachpflegemesse Pro Care, die Anfang Februar erneut in Hannover stattfindet und für die Sie gemeinsam mit der Bundesgesundheitsministerin die Schirmherrschaft übernehmen?

Dr. Andreas Philippi: Solche Formate sind enorm wichtig. Die Pro Care hat mich im vergangenen Jahr sehr positiv überrascht – durch die Vielfalt der Lösungen, die Innovationskraft und vor allem durch die vielen engagierten Menschen, die dort zusammenkommen. Der Austausch zwischen Praxis, Tech-Unternehmen, Start-ups und Politik ist entscheidend, damit Lösungen entstehen, die nicht an der Realität vorbeigehen. Formate wie diese bringen die richtigen Akteure zusammen und schaffen genau den Dialog, den wir brauchen.

Digitalisierung soll Pflege entlasten – wird aber oft als zusätzliche Belastung empfunden. Woran liegt das und was muss sich ändern?

Dr. Andreas Philippi: Digitale Lösungen brauchen Zeit, bis ihr Nutzen im Arbeitsalltag wirklich spürbar wird. Pflegekräfte und auch ich selbst als Arzt kennen das aus eigener Erfahrung: Neue Prozesse müssen erlernt, Routinen angepasst werden. Entscheidend ist, dass Digitalisierung dort ansetzt, wo sie wirklich hilft – etwa bei der Dokumentation. Sprachbasierte Systeme zeigen heute schon, wie Pflegeberichte direkt während der Tätigkeit erfasst werden können. Das spart Zeit, reduziert Bürokratie und schafft Freiräume für das Wesentliche: den Menschen. Digitalisierung muss Bürokratie abbauen, nicht neue schaffen – dann ist sie einer der wichtigsten Helfer der Pflege.

Ein zentrales Digitalisierungsprojekt ist die Telematikinfrastruktur. Was braucht es, damit sie im Versorgungsalltag als Unterstützung wahrgenommen wird?

Dr. Andreas Philippi: Politik kann und muss die Voraussetzungen schaffen – etwa durch eine funktionierende Infrastruktur, rechtssichere Anwendungen wie die elektronische Patientenakte und stabile Systeme. Gleichzeitig braucht es Geduld und Vertrauen. Der Nutzen ist enorm: Eine lückenlose Weitergabe relevanter Informationen bedeutet schnellere und sicherere Entscheidungen - zum Beispiel durch elektronisch abrufbare. Im Notfall kann das Leben retten. Wichtig ist, die Menschen mitzunehmen, Sicherheit im Umgang mit Daten zu vermitteln und die Vorteile klar aufzuzeigen.

Auch Künstliche Intelligenz wird als Zukunftstechnologie für die Pflege diskutiert. Wo sehen Sie realistische Einsatzmöglichkeiten?

Dr. Andreas Philippi: KI kann vor allem dort unterstützen, wo große Datenmengen verarbeitet werden – etwa bei der Vorsortierung von Befunden oder in der Diagnostik. Sie ersetzt keine fachliche Entscheidung, kann aber enorm Zeit sparen und Hinweise liefern. Besonders großes Potenzial sehe ich in der Prävention: Wenn Daten intelligent verknüpft werden, können Risiken früher erkannt und Erkrankungen möglicherweise verhindert oder abgeschwächt werden. Dafür braucht es klare ethische Leitplanken und Verantwortlichkeiten.

Ein weiteres aktuelles Thema ist die Reform der Pflegeversicherung. Was erwarten Sie realistisch davon?

Dr. Andreas Philippi: Kurzfristig geht es darum, die Pflegeversicherung zu stabilisieren. Langfristig müssen wir ehrlich darüber sprechen, welche Leistungen realistisch finanzierbar sind und wie Pflege gerecht organisiert wird. Ziel muss eine verlässliche Basisversorgung sein, ohne dass Menschen durch Pflegebedürftigkeit in die Sozialhilfe gedrängt werden. Das ist eine große Herausforderung, die nur im offenen gesellschaftlichen Dialog gelöst werden kann.

Zum Abschluss: Was ist Ihre persönliche Message an die Menschen in Pflegeberufen?

Dr. Andreas Philippi: Pflege ist ein zutiefst sinnstiftender Beruf, der alle Phasen des Lebens begleitet. Mein Wunsch ist, dass Pflegekräfte offen bleiben für neue Ideen und Technologien, sich Unterstützung holen – mechanisch, technisch und digital – und mutig Veränderungen mitgestalten. Pflege braucht Menschlichkeit, aber auch Innovation.


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