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„Man darf keine Angst haben, wenn man etwas wirklich will“ – Ein Gespräch mit Pflegedienstgründerin Birgit Rütz

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Birgit Rütz hat mit 40 Jahren alles hinter sich gelassen – Klinikalltag, Sicherheit, Routine – und sich mit Überzeugung in die Selbstständigkeit gewagt. In diesem eindrucksvollen Interview erzählt sie von den Herausforderungen und Erfolgen auf ihrem Weg als Gründerin, von mutigen Entscheidungen, familiärem Zusammenhalt und der Kraft, Pflege neu zu denken. Ein Gespräch über Werte, Wandel und die Bedeutung von Authentizität – in der Führung, im Team und in der Versorgung von Menschen.

 

Frau Rütz, Sie haben vor über 20 Jahren einen beruflichen Neuanfang gewagt und das mit Erfolg. Denn heute hat sich der Lewitz Pflegedienst zu einer festen Institution für pflegebedürftige Menschen in Plate und Umgebung etabliert. Was war der Auslöser für diesen Schritt?

Birgit Rütz: Ich kam damals von der Intensivstation und hatte mich mein Leben lang um junge Unfallopfer gekümmert – das hat mich tief geprägt. Die Arbeitsbedingungen empfand ich damals als belastend und waren für mich persönlich nicht mehr tragbar. Ich wollte Pflege neu denken, menschlicher, wertschätzender. Also habe ich meinen sicheren Job hinter mir gelassen und mich auf einen völlig neuen Weg begeben.

 

Dabei sind Sie auch finanziell ein großes Risiko eingegangen und haben sogar Ihr Haus als Sicherheit für einen Kredit eingesetzt. Was hat Ihnen den Mut gegeben, dieses Risiko einzugehen?

Birgit Rütz: Es war eine Mischung aus Überzeugung und dem festen Glauben daran, dass Pflege anders sein kann. Ich habe ein Seminar besucht, das mir die Augen geöffnet hat. Danach war klar: Ich gehe nach vorne und kann auf meine Fähigkeiten vertrauen. Den Kredit habe ich dafür genutzt, um meine ersten Mitarbeitenden zu bezahlen – und so nahm alles seinen Lauf.

 

Wie sahen die ersten Schritte Ihrer Selbstständigkeit aus?

Birgit Rütz: Ich habe mit nichts als meiner Überzeugung angefangen – in meiner Garage. Anfangs waren wir zu dritt, dann wuchs das Team schnell. Mein erstes Projekt war das Haus „Mut zum Glücklichsein“ – eine Wohngemeinschaft für schwerkranke Menschen, die nicht in einer stationäre Einrichtung versorgt werden möchten. Der Name ist Programm: Egal wie schwer die Krankheit ist – es gibt immer einen Weg, glücklich zu sein.

 

Gab es auf diesem Weg auch Widerstände?

Birgit Rütz: Sogar viele. Besonders in der Anfangszeit stieß ich auf viel Gegenwind. Bei der Vorstellung des Projekts wurden in der Gemeinde sogar Flugblätter gegen mich verteilt. Aber ich hatte mit unserer damaligen Bürgermeisterin eine starke Partnerin an meiner Seite, die an mich geglaubt hat. Ohne Menschen wie diese wäre vieles nicht möglich gewesen.

 

Sie haben im Laufe der Jahre viele Projekte verwirklicht. Was treibt Sie persönlich an?

Birgit Rütz: Jedes Haus hat seine eigene Geschichte. Manchmal entstanden Projekte auch aus einer persönlichen Not heraus, wie unsere Demenz-Wohngemeinschaft. Wir haben damals vergeblich nach einem Platz für meine Schwiegermutter gesucht, aber ohne Erfolg. Ich wollte nie nur verwalten, sondern gestalten. Und ich wollte zeigen, dass Pflege auch anders geht – mit Herz, mit Empathie und mit echter Nähe.

 

Heute ist auch Ihr Sohn ins Familienunternehmen eingestiegen. Wie kam es dazu?  

Birgit Rütz: Morries hat sich schon seit der Gründung um die IT-Infrastruktur und die Fahrzeugflotte gekümmert. Schlussendlich hat er sich dazu entschieden, seinen Job in Hannover aufzugeben und nach Schwerin zurückzukehren. Heute ergänzen wir uns wunderbar – ich bringe meine Erfahrung mit, er die digitale Kompetenz und Innovationsfreude.

 

Stichwort Digitalisierung: Wie erleben Sie den technologischen Wandel in der Pflege?

Birgit Rütz: Anfangs war ich skeptisch – ich komme aus einer Zeit, in der alles auf Papier lief. Schließlich hat mein Sohn mich überzeugt. Heute bin ich begeistert, was alles möglich ist. Wir sparen viel Zeit zum Beispiel bei der Touren- oder Dienstplanung, die wir wieder in die Zuwendung zum Menschen investieren können. Das war auch der Schlüssel, um das Team mitzunehmen: Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern ermöglicht mehr Menschlichkeit.

 

Was ist Ihnen in der Zusammenarbeit mit Ihrem Team besonders wichtig? 

Birgit Rütz: Authentizität. Ich möchte keine Rollen, sondern echte Persönlichkeiten. Offene Kommunikation ist für mich entscheidend sowie eine konstruktive Fehlerkultur. Fehler dürfen passieren, solange wir daraus lernen. Und zu guter Letzt: Freude an der Arbeit. Wer keine Freude mehr empfindet, sollte sich auf den Weg machen etwas zu verändern.

 

Wie sehen Sie die Zukunft der Pflege, auch in Hinblick auf neue Technologien wie KI oder der Telematikinfrastruktur?

Birgit Rütz: Ich bin voller Begeisterung für die Möglichkeiten, die sich uns eröffnen. Mein anderer Sohn ist Arzt in Berlin und arbeitet bereits mit telemedizinischen Lösungen. Ich wünsche mir, dass auch unsere ÄrztInnen vor Ort offener demgegenüber werden. Wir müssen gemeinsam neue Wege gehen – nicht aus Überforderung, sondern aus Überzeugung. Stillstand ist keine Option.

 

Frau Rütz, was würden Sie Menschen raten, die mit dem Gedanken spielen, sich selbstständig zu machen oder etwas Neues zu wagen?

Birgit Rütz: Wenn Sie überzeugt von einer Idee sind – machen Sie es. Haben Sie keine Angst. Ich hatte nichts außer meiner Überzeugung. Alles andere habe ich gelernt und auf meinem Weg Menschen gefunden, die mich begleitet haben. Das Wichtigste ist, die Begeisterung nicht zu verlieren.

Vielen Dank, Frau Rütz, für dieses inspirierende Gespräch. Ihr Weg zeigt eindrucksvoll, wie viel Mut, Ausdauer und Herzblut es braucht, um Pflege neu zu denken – und wie aus einer persönlichen Vision ein ganzes Versorgungsnetzwerk entstehen kann. 
Das Interview mit Morries Rütz ist bereits erschienen. Darin spricht er über die digitale Weiterentwicklung des Pflegedienstes, die Chancen der Telematikinfrastruktur und wie moderne Technologien den Pflegealltag nachhaltig verändern. Gemeinsam zeigen Sie, wie sich Tradition und Fortschritt erfolgreich verbinden lassen. 
 


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