PflegeFaktisch mit Francesca
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Ein Ethik-Gespräch: Die Kunst der Verantwortung
In dieser Podcast-Episode spreche ich mit Prof. Dr. Giese, Professorin für Ethik und Anthropologie in der Pflege, im Rahmen des Ethikkongresses 2026 in Göttingen. Im Mittelpunkt steht eine Frage, die im Pflegealltag ständig mitschwingt und doch selten sauber geklärt wird: Was bedeutet Verantwortung – fachlich, persönlich und strukturell – und wie können Pflegende sie so leben, dass sie nicht zur Überforderung wird?
Verantwortung ist mehr als „es irgendwie hinzubekommen“
Prof. Dr. Giese beschreibt Verantwortung als die Fähigkeit (und Pflicht), für das eigene Tun – oder Nicht-Tun – gute Gründe angeben zu können: gegenüber anderen, im Zweifel aber auch gegenüber sich selbst. Entscheidend ist dabei: Verantwortung braucht einen klaren Rahmen. Wenn sie „nebulös“ wird („Ich bin für alles verantwortlich“), entgrenzt sie sich – und verliert am Ende ihre Wirkung.
Wenn Verantwortung weh tut: Überforderung, Moral Distress und „Speak up“
Im Gespräch wird schnell klar: Verantwortung ist besonders greifbar in kritischen Situationen – etwa wenn man in der (Akut )Psychiatrie mit suizidalen Menschen Freiheiten aushandelt und dann allein mit ihnen „draußen“ steht. Francesca Warnecke schildert zudem ein prägendes Erlebnis aus ihrer Ausbildungszeit, als ihr früh eine Aufgabe übertragen wurde, die sie kaum einordnen konnte – und wie stark sich daraus Schuld- und Verantwortungsgefühle entwickeln können. Prof.
Dr. Giese lenkt den Blick auf einen schmerzhaften Alltagspunkt: Wenn Kolleg:innen Fehler machen (bis hin zu Grobheit oder Gewalt) und niemand etwas sagt. Dieses Spannungsfeld wird häufig als „Moral Distress“ erlebt – doch aus ethischer Sicht gehört es mitten in die Verantwortungsfrage: den Mund aufmachen, Missstände ansprechen, für Patient:innen eintreten.
Ohne Struktur keine Verantwortung: Profession, Pflegekammer, Macht und Bildung
Ein roter Faden der Episode: Verantwortung endet nicht am Stationszimmer – sie hat auch eine berufspolitische Dimension. Prof. Dr. Giese erklärt, warum Pflege als Profession legitimierte Vertretung braucht, um auf Augenhöhe mitentscheiden zu können (z. B. wenn es um Standards, Leistungen und Ressourcen geht). Genau hier werde der Pflegekammer Diskurs oft „irregeleitet“: Statt über Mandat, Qualität und Kontrolle zu sprechen, verenge sich die Debatte auf Beiträge und Misstrauen. Gleichzeitig beschreibt sie die „Normenfalle“: Pflegende tragen berechtigte, hohe Ansprüche, können sie aber wegen Ausbildungslücken oder Rahmenbedingungen (Zeit, Personal, Qualifikation) häufig nicht erfüllen – und werden dadurch erpressbar und chronisch überfordert. Ihr Plädoyer: mehr Empowerment statt Appell Ethik, klare Zuständigkeiten, solidarische Organisation (Kammer/Berufsverband) und ein Bildungssystem, das der Komplexität des Berufs gerecht wird.
Die Episode macht Mut, Verantwortung neu zu sortieren: nicht als diffuse Last, sondern als etwas, das Rahmen, Kompetenz, Teamarbeit und auch Selbstschutz braucht. Wer Verantwortung in der Pflege ernst nimmt, darf Konflikte nicht scheuen, muss aber auch nicht alles allein schultern – sondern kann (und sollte) sich vertreten lassen, Standards einfordern und Grenzen ziehen, bevor Überforderung in Fehler oder Härte kippt. Besucht uns auch gern auf unserem YouTube-Kanal und lasst Eure Fragen, Anregungen und Feedback in den Kommentaren da. In diesem Sinne – einfach weiter Podcast hören, ich freue mich auf Euch.
Eure Francesca
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